Was ist Borderline?

 

 

 

FrageDie Aussage, Borderline sei eine Modekrankheit, ist unhaltbar, wenn man einmal die Feststellungen und Kriterien von Dr. Sigmund Freud zur Hysterischen Persönlichkeit oder zur Hypochondrischen Persönlichkeit zu Grunde legt. Diese finden sich heute in den Merkmalen der Borderline – Persönlichkeitsstörung wieder.

Otto F. Kernberg hat sich mehr mit dieser Persönlichkeitsstörung befasst und weitere Eigenschaften beschrieben. Es stimmt, es ist auffällig, dass momentan anscheinend fast jeder Mensch, der Auffälligkeiten zeigt, ein „Bordie“ zu sein scheint.

Andererseits wird auf diesem Gebiet momentan sehr viel geforscht und es gibt mittlerweile standardisierte Fragen und Tests, die diese Diagnose erleichtern. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass die Medien diese Störung für sich entdeckt haben und Betroffene sensationslüstern für gute Einschaltquoten „verheizen“. Oft werden dort nur die schockierendsten Seiten dieser Störung publiziert.

 

 

 

Die Situation der Angehörigen

 

Borderline ist eine vielschichtige, mehrere Faktoren umfassende Per­sönlich­keits­störung. Durch diese Vielschichtigkeit sind auch die Angehörigen (das komplette soziale Umfeld, sowohl Familie als auch Freunde und Bekannte) stark betroffen. Sie leiden häufig unter Burnout-Symptomen, Depressionen, Selbstvorwürfen oder starker psychischer Belastung.

Vor allem das äußere Umfeld tritt oft mit Vorwürfen und unerfüllbaren Forderungen an die Angehörigen heran. Einer der üblichen Vorwürfe: Borderline ist eine Modekrankheit. Oder: Du (Mutter oder Vater) bist alleine schuld. Diese Vorwürfe werden von den betroffenen Angehörigen selbst sehr stark übernommen.

Neue Studien haben ergeben, dass die Borderline-Störung kein Hinweis auf eine Problemfamilie ist!

Diese Aussage ist vor allem für die Familie sehr wichtig. Es bedeutet, dass niemals zwingend ein Bezug zwischen dem „Bordie“ und einer gewalttätigen Familie, die sex­uellen Missbrauch durch­geführt oder zugelassen hat, besteht. Auch ganz „normale und für­sorg­liche“ Familien können betroffen sein. Bordies sind nicht die nächsten Attentäter oder Amok­läufer! Sie verletzen sich selber oder Personen die sie lieben!

Borderline wird häufig in der Öffent­lichkeit mit Selbstverletzung (Ritzen) und Suizidgefahr gleich­gesetzt. Dass Borderliner Meister der Mani­pulation sind und sich tagtäglich, manch­mal sogar sekündlich, in unter­schied­lichen, stark disso­ziativen Zu­ständen befinden, ist entweder nicht bekannt oder wird unter­schätzt. Das macht Borderliner zu so schwierigen Mitmenschen. Je nach dem momen­tanen seelischen Befinden, können Borderliner auch für Fremde gefährlich sein.

 

Die Betroffenen

 

Diese Persönlichkeitsstörung ist eine individuelle Störung, die von Betroffenem zu Betroffenem sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Ganz allgemein halten sich Psychiater bei der Diagnose an folgende Kriterien:

Diese Persönlichkeitsstörung ist eine individuelle Störung, die von Betroffenem zu Betroffenem sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Ganz allgemein halten sich Psychiater bei der Diagnose an folgende Kriterien:

  • Verzweifeltes Bemühen, ein reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern. Ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen, das sich durch einen Wechsel zwischen extremer Idealisierung und Abwertung auszeichnet.
  • Identitätsstörung: Eine ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühles für sich selbst.
  • Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbst schädigenden Bereichen (z.B. Geld ausgeben, Sex, Tablettenmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Fressanfälle etc.)
  • Wiederkehrende Suiziddrohungen, Suizidandeutungen oder -Versuche oder selbst schädigendes Verhalten
  • Affektive Instabilität, die durch eine ausgeprägte Orientierung an der aktuellen Stimmung gekennzeichnet ist: Z.B. starke periodische Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder Angst (üblicherweise wenige Stunden und nur selten länger als einige Tage andauernd)
  • Chronisches Gefühl der Leere
  • Unangemessene, starke Wut oder Schwierigkeiten, Wut oder Ärger zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernder Ärger, wiederholte Prügeleien)
  • Vorübergehende, stressabhängige paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.

 

Es findet eine Einteilung in zwei Typen dieser Störung statt:

 

  1. der Impulsive Typus (ICD-10 F60.30): Die wesentlichen Charakterzüge sind emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle. In Konfliktsituationen, vor allem bei Kritik durch andere, Neigung zu aggressiven Durchbrüchen mit gewalttätigem Verhalten.
  2. Borderline-Typus (ICD-10 F60-31): Einige Kennzeichen der emotionalen Instabilität sind vorhanden, zusätzlich sind oft das eigene Selbstbild, Ziele und „innere Präferenzen“ (einschließlich der sexuellen) unklar und gestört.

Kurz gesagt: Diese Menschen sind anders! Sie sind meist hoch intelligent, haben angesehene Berufe, in denen ein hohes Maß an Fachkompetenz verlangt wird. Die Fachliteratur zu diesem Thema weist darauf hin, dass prozentual mehr Frauen als Männer von dieser Persönlichkeitsstörung betroffen sind. Das mag daran liegen, dass Frauen eine größere Neigung zur Eigenreflektion haben, oder generell eher bei Auffälligkeiten einen Arzt aufsuchen.

(Quelle: Klinikleitfaden Psychiatrie und Psychotherapie von M. Rentrop, R.Müller, J.Bäuml)

 

Perspektiven

 

Momentan gibt es verschiedene, individuell unterschiedlich erfolgversprechende Thera­pieansätze. Ich nenne hier nur die zwei, die mir wichtig erscheinen. Auf Grund der Forschung und der immer neuen Ergebnisse zu diesem Thema, ist es schwierig hier alle neuesten Ergebnisse zu präsentieren.

Es gibt einmal die „Dialektisch-behavoriale Therapie (DBT)“ Zentrales Ziel dieser Therapie ist der Aufbau dialektischer Verhaltensmuster, um extreme Reaktionen durch ausgeglichenere, integrative Verhaltensweisen zu ersetzen. Zu diesen Themen gibt es auch jede Menge Informationen im Internet. Zum Beispiel bei Wikipedia.

Die andere Therapieform ist die „Trans-ference-focused Psychotherapie“ diese ist ein psychoanalytisch fundiertes Konzept, das auf die Bearbeitung der Identitätsstörung durch eine konsequente Bearbeitung der aktuellen therapeutischen Be­ziehung vor dem Hintergrund der unten geschilderten Annahmen fokussiert.

(Ein authentisches Selbst kann nur entstehen, wenn die divergierenden Selbstbilder zu einem integrierten Selbstkonzept organisiert worden sind, die seinerseits integrierte Objektvorstellung entspricht. Darum ist klinisch gesprochen, der Weg zur Authentizität der Weg zur Integration wechselseitig dissoziierter Aspekte des Selbst.)

 

Hilfe durch die Gruppe

 

Angehörige sind ohne Hilfe von außen, ohne z.B. die Hilfe einer Selbsthilfegruppe, fast immer überfordert. Niemand gibt gerne zu, einen Borderliner im engsten Umfeld (Privat oder Beruflich) zu haben.

Wir bieten einen geschützten Raum, in dem die Angehörigen offen und ohne „schiefe Blicke“ oder Vorwürfe erzählen können. Alle Gespräche sind vertraulich und bleiben innerhalb der Gruppe. Wir wollen das Verständnis für diese Persönlichkeitsstörung in der Öffentlichkeit erhöhen. Wir versuchen aufzuklären.

Sabine Thiel, Heilpraktikerin Psychotherapie

 

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